Transkript – Poetry Slam

Poetry Slam

Beitrag 1 „Laufen lernen“ von Felicitas Friedrich

Junge Frau mit pinken Haaren winkt in die Kamera.

Hallo, mein Name ist Felicitas Friedrich.

Ich möchte einen Text mit euch teilen, und zwar exklusiv inklusiv.

Denn ich wollte ihn eigentlich nicht mehr so häufig auf die Bühne bringen, weil er mir zu persönlich ist, aber für euch doch gerne.

Der Text ist meine Geschichte, und er heißt „Laufen lernen“.

Laufen lernen

 

Bis ich 22 war, wusste ich nicht, dass die Worte „Spastik“ und „Behinderung“ nicht nur Beleidigungen sind.

Bis ich 22 war, dachte ich, es sei normal, ab und zu einfach aus dem Nichts hinzufallen, habe gelernt, über mich selbst zu lachen und darüber, wie albern schön bunte Kinderpflaster aussehen.

Meine Sportlehrerin sagte, ich liefe so „eckig“ und sicher sei mit meinem Gehirn etwas nicht in Ordnung.

Und laufen hab‘ ich nicht gelernt.

Laufen hab‘ ich nicht gelernt,

fiel laufend auf die Schnauze und hab‘ mich entfernt

von dem Glauben, alles wäre normal,

„außergewöhnlicher Gang“, so beschrieb man mich,

aber außergewöhnlich ist doch was Gutes, ist doch was Seltenes heutzutage?

Und ich habe gelernt von MRTs und CTs, ich habe die Aufnahmen inzwischen auf dem Handy und halte sie Leuten unter die Nase, die fragen, warum ich denn so komisch gehe.

Denn was fällt mir ein, so zu laufen, dass ich riskiere zu stürzen und mir weh zu tun, irgendwo runter oder davor zu fallen, das größte Problem ist doch, dass meine Optik ihnen im Auge weh tut.

Denn dieses Laufen hab‘ ich nicht gelernt,

Laufen hab‘ ich nicht gelernt,

hab‘ spät angefangen zu fragen und mich nicht gewehrt

dagegen, abgespeist zu werden

mit „kommen Sie in zwei Jahren wieder“-Abgespule und Fachbegriffen und ich fühle mich wie bei einem Vokabeltest in einer Sprache, die erst nächstes Jahr erfunden wird und so oft, wie ich von Ärzt*innen den Satz „dafür bin ich nicht zuständig“ gehört habe, scheint es, als wäre mein Leben ein endloser Einkauf bei Media Markt.

Manchmal lerne ich Menschen kennen und die Begrüßung lautet nicht „Hallo“, sondern „Was ist mit deinem Bein?“. Also hör‘ zu:

Nein, du musst mich nicht unterhaken. Langsamer laufen, mehr Zeit einplanen und Rücksicht nehmen ist nett. Mir meine Autonomie absprechen, ist bevormundend und demütigend. Merken!

Nein, du musst nicht meine Hand halten, wenn ich die Treppe runter gehe. Denn was glaubst du eigentlich – dass ich im Alltag immer vor Treppenabsätzen stehen bleibe und verzweifelt Passant*innen anspreche: „Entschuldigung, ich möchte diese Treppe runtersteigen, können Sie bitte meine Hand halten?“.

Ja, du darfst Fragen stellen. Denn das kreiert einen Dialog, und ich mag reden.

Es ist so:

Als Baby passten mir keine normalen Windeln – egal. Als Kind fiel ich oft hin – tollpatschig.

Irgendwann hieß es: schiefe Hüfte. Beine wurden ausgeglichen, irgendwann hieß es: Skoliose. Und noch später hieß es: so leicht ist es doch nicht.

Ich bin die, für die Medizinstudierende angeschwirrt kommen, weil ihnen eine Rarität angekündigt wird,

die, deren 10-jähriger Rücken als Berühmtheit auf Medizinerkongressen ausgestellt wurde,

die, zu der ein Orthopäde mit 40 Jahren Berufserfahrung sagt, es sei unmöglich, dass ihre Skoliose angeboren ist, bis er dann ihr Röntgenbild sieht: „Sie haben Recht. Dass es sowas gibt… jetzt habe ich alles gesehen.“ – drei Wochen später ging er in Ruhestand.

Ich habe etwas sehr, sehr seltenes, manche Quellen vermuten sogar, etwas weltweit einmalig bekanntes, so ist das, wenn man wirklich „#unique“ ist, Influencer-Style! –,

denn hier, schau‘ – und ich halte meinem Gegenüber mein Handy hin -, da, dieses Weiße, das ist mein Rückenmark, da sind Nervenstränge drin, die geben Befehle. Nur die kommen nicht an, denn meine Halswirbelsäule wird da einfach fehlgeleitet, schwups, da ist nämlich ganz plötzlich mittendrin ein halber Halswirbel zu wenig, das weiß ich erst seit kurzem. Obwohl es bestimmt auf Ärztekongressen oft thematisiert, mir aber nie kommuniziert wurde. Und der quetscht das Rückenmark dann ein, ja, autsch, ich weiß, du hast gefragt, selbst schuld.

Eine Freundin sagte mal, um den Weg über meinen Rücken zu finden, brauche man ein Navi,

und um einen anderen sehr guten Menschen zu zitieren: „Deine Wirbelsäule könnte eine Strecke bei Mario Kart sein.“

Und daneben gab es leider auch den Securitymenschen auf einem Festival, der, nachdem ich hingefallen war, postulierte:

„Du hast einen nicht gerade sturzvermeidenden Gang!“

Danke! Du hast es erkannt, back‘ dir ein Eis!

Und ich habe gelernt, man darf in meinem Alter nicht erwähnen, man habe Rückenprobleme oder käme nach dem In-die-Hocke-Gehen nicht mehr hoch, wenn man nicht hören will: „Hach, du und Rücken! Komm mal in mein Alter, dann sprechen wir nochmal!“

Und ich habe gelernt, „Komm du mal in meinen Zustand!“ ist nicht die richtige Antwort. Zu offensiv. Obwohl wahr.

Und ich habe gelernt, „In deinem Alter kann ich vielleicht gar nicht mehr laufen“ ist nicht die richtige Antwort. Zu düster. Obwohl wahr.

Und ich habe gelernt, „Fick dich“ ist nicht die richtige Antwort. Obwohl, doch, eigentlich schon. Fäkalsprache ist immer eine Lösung.

Bloß laufen hab‘ ich nicht gelernt,

laufen hab‘ ich nicht gelernt,

hab‘ nur jammern, hab‘ nur schulterzuckend hinnehmen gelernt,

und manchmal bäum‘ ich mich auf,

manchmal nervt Mitleid so sehr:

jung, hübsch, schlank und trotzdem schon kaputt, schade,

Mama, hast du die Quittung vielleicht noch?

Mama, waren Kondome denn so teuer damals?

Mama, wieso hältst du mich für eine Dramaqueen?

Mama! I don’t wanna die! But I sometimes wish I’d never been born at all.

Aber carry on, carry on,

muss ja, carry on,

mit dem Rücken, den mir niemand gestärkt hat,

in den mir meine eigenen Gliedmaßen gefallen sind,

bin gefallen

in Ungnade, doch auch in Liebe

und das ist immer noch der schönste Sturz,

bin gefallen, ab vom Glauben an die moderne Medizin,

doch fand Gefallen

daran, meine Krone zu rücken, als wäre ich in ein Facebook-Spruchbild gefallen,

sie ist das zweitschönste Accessoire neben meinen aufgeschlagenen Knien.

Meine Beine und ich haben diese On-Off-Beziehung, bei der die gesamte Zuschauerschar bis zum Serienfinale hofft, dass sie endlich zusammenkommen

und sie geben mir Versprechen, von denen ich nicht weiß, ob sie sie halten,

ob sie mich halten,

ob sie halten,

oder ob ich morgen ohne Gefühl in ihnen aufwachen werde

und wenn du fragst, warum ich davon so oft erzähle,

obwohl es nur ein bisschen humpeln ist,

dann tausch‘ nur einen Tag mit mir!

Mein Körper ist ein Wrack, ein Programm voller Fehlermeldungen,

aber auch ein Schlachtfeld, und der letzte Kampf ist noch nicht ausgetragen,

und seit ich weiß, dass da wirklich etwas ist,

dass ich nicht dumm bin,

ich mir das nicht einbilde,

ist es endlich was Offizielles, über das nicht oft genug geredet werden kann.

So etwas leichtes wie Laufen hab‘ ich nicht gelernt,

doch dafür ist Das-Leben-zu-Schätzen-Wissen mein Steckenpferd,

und dass ich mich mir selbst krumm nehm‘, soll nicht über mir schweben wie ein Damoklesschwert,

ein schiefes Bild, das aus dem Rahmen fällt, ist postmoderne Kunst, Bitches. Und von unermesslichem Wert.

Beitrag 2 „Wer ist hier behindert“ von Konst-T (Konstantin Tskhviravashili)

 

Junger Mann mit schwarzen Haaren blickt in die Kamera.

Hallo Leute, hier ist Kons-T

Ich bin Rapper, Comedian, Gamer, Poetry Slammer und Youtuber

Ich bin gebürtig aus Moskau und kam mit 12 Jahren hierher nach Deutschland

Und konnte kein Wort Deutsch.

So kam ich vorerst auf ’ne Hauptschule, wo ich am Anfang auch Schwierigkeiten hatte zu kommunizieren

Und im Unterricht mitzukommen

Habe aber innerhalb von zweieinhalb Jahren Deutsch gelernt. Mehr oder weniger durch Learning by Doing

Da hat meine Kommunikationsfähigkeit auch einen großen Anteil gespielt

Ich stieg schnell auf zum Klassenbesten und zum Klassensprecher

Und war in Deutsch-Diktaten besser als die Deutschen in der Klasse

Und hab nach dem Schulabschluss auch weitergemacht; ich kam auf die Realschule

Hab auch die Mittlere Reife erfolgreich absolviert

Und ich kam schließlich aufs Gymnasium und hab mein Abitur geschafft

Heute bin ich an der Uni Mainz und studiere Informatik und Linguistik

Ihr könnt jetzt natürlich sagen „Boah, cooler Typ! War vorbildlich,  hat Deutsch gelernt!..“

„… War motiviert genug die Karriereleiter aufzusteigen und nicht klischeehaft nur Hauptschule zu machen“

Da stimme ich völlig zu!

Aber wenn ihr gleich dieses kleine Detail von mir erfahrt, kommt es euch vor wie ein Plot Twist in einem Film

Passt auf:

Ta-ta-taaaa! Ich bin

BE-HIN-DERT

Habt ihr den Schock jetzt verkraftet?

OK, dann geht’s jetzt nämlich weiter.

Ich habe bewusst das Detail mit dem Rollstuhl als Letztes gezeigt.

Denn ich finde ein Handicap darf nicht darüber entscheiden, welchen Weg man gehen darf und welchen nicht!

Ich finde, jeder soll die Gelegenheit haben, wenn er möchte, das Abi zu machen und zu studieren!

Fakt ist: Ich hatte Glück, dass ich so ein starkes Selbstbewusstsein habe, das mich angetrieben hat für’s Abitur zu kämpfen!

Und überhaupt erst soweit zu kommen, dass auf weiterführenden Schulen komme.

Wohingegegen die meisten meiner Mitschüler bereits nach der Hauptschule aufgehört haben.

Und uns wurde weder von den Lehrern noch sonst wem irgendwie vermittelt, dass wir Potenzial haben

Einfach die Tatsache, dass wir so wenig „gepusht“ werden,

Dass uns unterbewusst unterschwellig vorgegaukelt wird „Wir sind dumm!“, nur weil wir behindert sind

Das allein führt dazu, dass wir nicht selbstsicher sind

Und das glauben und uns damit abfinden, dass wir nach der Schule einfach in eine WfB gehen (Werkstatt für Behinderte)

Und gar nicht an der Gesellschaft teilnehmen und nur unter uns sind

Wenn ich zum Beispiel an der Uni auf dem Campus bin und zu Vorlesungen gehe,

Ich hab dort voll viele Freunde! Ich bin der einzige Rollstuhlfahrer in unserem Studiengang (Woher sollen wir auch kommen ohne Abi!?)

Und die Zeit, wie ich sie dort empfinde, ist Inklusion pur!

Auf dem Campus spricht mich kaum jemand auf meine Behinderung an und alle nehmen mich wahr, wie ich bin!

Und wir führen ganz normale Gespräche

Wobei ich aber in der Öffentlichkeit ständig damit konfrontiert werde

und als aller erstes auf den Rollstuhl angesprochen werde

Wenn ich zum Beispiel in den Bus einsteigen will und der Busfahrer kommt um die Rampe aufzuklappen

Werde ich öfter angesprochen, in etwa so:

Extra laaaangsaaam: „Wo wollen Sie aussteiiiiiiigeeeen?“

„An der Uni“

Und der Busfahrer so:

immer noch in Zeitlupe:

„An der Uniklinik?“

Ich: „Nein! An der Universitääääät. Da wo Sie nicht waren!“

Das ist mir echt mal passiert und der ganze Witz an der Sache ist:

Die Buslinie, die ich da nehmen wollte, fährt gar nicht zur Uniklinik!

Also wer ist hier be…

Und da sind wir auch schon bei dem Problem:

Wir, Menschen mit Behinderung, werden immer noch mit Vorurteilen, mit Blicken beworfen

Leute denken, dass wir alleine aufgrund dessen, dass wir im Rollstuhl sitzen, uns irgendwie äußerlich unterscheiden/man uns die Behinderung ansehen kann

Automatisch geistig behindert, dumm, hilflos oder sonst wie sind. Was überhaupt nicht stimmt!

Ja, ich kann nicht immer deutlich reden! Ja, ich kann nicht laufen!

Aber DU da: Kannst du alles?

Oder du? Oder du??

KEINER kann alles! Das ist auch okay so!

Andere Leute haben zum Beispiel Flugangst, Angst vor Spinnen oder haben Essstörungen oder sonstige Probleme

Sehr viele Menschen vertragen zum Beispiel keine Laktose

Sind sie deswegen dümmer? Nein!

Also warum sollte dies der Fall sein, wenn man nicht laufen kann!??

Die einzig „wahren“ vermeintlichen Barrieren, sind die in den Köpfen der Menschen! Open your mind!

Geht auf uns zu!

Zum Beispiel, wenn ich Mädels kennenlernen will, werde ich oft konfrontiert mit der allerersten Frage nach dem „Hi!“:

„Ja und wie kommst du in den Rollstuuuuuhl?“

Mein Gott!

„Ich steige aus dem Bett, dreh den SWAG auf und setz mich in den Rollstuhl“

Das ist oft ein Eisbrecher, oft werden Leute dann lockerer und fangen an ganz normal mit dir zu reden,

Wenn sie merken „Ahh okay, er kann ’normal‘ reden, hat Humor und all das“

Aber einfach die Tatsache, dass man beim ersten Blick davon ausgeht“Uuuuh, bei dem da könnte sonst was nicht funktionieren“…

Leute! Erst hingehen, reden und DANN urteilen

Bei mir auf der Schule war ein Junge, der konnte nur mit den Augen kommunizieren

Andere steuern ihren Rollstuhl mit dem Mund!

Mich hat’s jetzt nicht so „krass“ erwischt: ich kann meine Armebewegen, einigermaßen deutlich reden, ABER!

Leute, die es körperlich „härter“ erwischt hat, sie haben es noch schwerer!

Ich habe es gelernt mit Humor auf Fragen zu meiner Behinderung zu reagieren

Aber es nervt mich auch oft, dass ich mich immer dafür „rechtfertigen“ muss!

Genau deswegen werden Leute mit Behinderung oft UNsichtbar!

Man schaut nur auf das Äußere, auf den Rollstuhl, und vergisst oft dabei, dass ein MENSCH drin sitzt mit eigener Geschichte!

Viele begegnen mir und meinen nur so: „Brauchen Sie Hilfe?“

Leute, chillt mal eure Base

Ich bin dafür, dass man uns nicht in Schubladen steckt, oder sonst wo hin.

Niemand will auf seine Kurzsichtigkeit, Essstörung usw. reduziert werden, und der Mensch au nicht.

Inklusion heißt: MITEINANDER!

Redet auch mit uns! Kommt auf uns zu!  Sprecht mit uns!

Es braucht vielleicht bisschen Zeit, bis man sch bei dem einen oder anderen an die Aussprache gewöhnt hat

Ich bin genau so ein Mensch, der lacht, weint, Träume hat, ein sexuelles Wesen wie ihr auch!

Und Sexualität ist auch so ein Thema, das gar nicht bewusst wahrgenommen wird

Jeder Mensch braucht Liebe, und warum nicht anfangen, indem wir Barrieren beseitigen, statt sie aufzubauen

Niemand will Mitleid haben, aber wir wollen alle Empathie!

Nur durch Kommunikation und Offenheit kommen wir als Gesellschaft gemeinsam klar!

Gerade jetzt in der schwierigen Zeit von Corona, wo eh jeder zu Hause ist

Denkt darüber nach wie viele Lokale es mit Treppenstufen gibt

Wie viele Schulen noch mit Treppen sind, alte Gebäude, wo kein Aufzug drinnen ist.

Das fällt einem als „Läufer“, auch nicht sofort auf!

Bis du entweder ein Kind hast im Kinderwagen, oder einen Freund im Rollstuhl

Jetzt können wir uns mehr Gedanken machen über unsere Infrastruktur

und allgemein die Aufgeschlossenheit uns gegenüber.

Was wir besser machen können, sobald wir wieder raus können.

Ich bin dafür, dass wir alle die gleichen Chancen haben in der Schule, im Beruf und bei der Partnersuche!

und dafür, dass niemand anhand von seiner Äußerlichkeit und dem „ersten fälschlichen Eindruck“ benachteiligt wird!

Dankeschön!

Beitrag 3: „Klecke“ von Leah Weigand

Junge Frau mit braunen nach hinten gebundenen Haaren schaut in die Kamera.

Kleckse (Leah Weigand, Juli 2020)

Ich betrachte seine Hände,

während er spricht.

Die nussbraune Haut

glänzt im Sonnenlicht.

Ich zähle 1,2,3,4 – 5 Finger sind es.

Der Nagel am Daumen scheint angebissen,

und am rechten Zeigefinger ist er leicht eingerissen.

Dann spannt sich die Haut

und eine Vene tritt heraus.

Seine Stimme wird laut,

parallel zur sich ballenden Faust.

Dann entspannt sich die Hand wieder

und eine Falte weicht aus seinem Gesicht.

Für einen Moment schließt er die Augenlider,

als wisse er die nächsten Worte noch nicht.

Dann schaue ich auf meine Hand, drehe sie in meinem Blick.

Als ich sie drücke, wird auch hier die Ader dick.

Ich zähle. 1,2,3,4,5.

Er redet weiter und er klingt irgendwie schön.

Auch wenn ich nicht weiß, was die Worte bedeuten,

erzeugen sie doch Emotion.

Nach dem nächsten Satz müssen alle lachen.

Noch bevor es fröhlich macht,

und anstecken kann,

fühlt es sich ausgelacht

und einsam an.

Inmitten des erträumten Ortes

in geselligem Fröhlichsein,

trotz dem schönen Klang des Wortes

fühl ich mich so selten allein.

Und bevor ich fliehen oder wegschauen kann,

schauen mich alle an.

Mit einem zähen Grinsen

garniere ich mein Schweigen.

Doch mehr noch als Verlegenheit,

ist es ein Zähnezeigen.

Ich wünsche mir nichts mehr

als meine Haut dunkel zu malen,

und um jetzt ihre Sprache zu sprechen,

würd ich mit meinem Pass bezahlen.

Ich frage meine Nachbarin nach dem, was sie sagen.

„Oh, sie freuen sich einfach,

hier eine Weiße zu haben.“

Eine Weiße.

Eine weiße von vielen.

Ein weißer Absatz im Text,

ein netter farbloser Klecks.

Eine Abwechslung im Blick,

eine Brise Exotik.

Ich bin eine Weiße von vielen, im schwarzen Land,

mein Name- vergessen und meine Farben- verkannt.

Ich zähle nochmal meine Finger- sind immer noch 5.

5 mal 2, um genau zu sein,

und am kleinen Finger reißt mein Nagel ein.

Während sie weiter lachen,

denke ich über die menschliche Eigenart nach,

und muss dabei fast lachen.

Welch animalische Laute aus dem homosapischen Rachen.

Bei jedem klingt es anders

und doch in jeder Sprache gleich,

steht in keinem Vokabularium

oder Duden-Band,

und ist doch in jedem Völkerstamm,

ganz offiziell anerkannt.

Es sagt: Ich freue; Ich hoffe; Ich mag.

Überwindet Ländergrenzen, Milieus und Schichten,

rettet manchmal einen ganzen Tag,

-und kann in gleichem Ausmaß auch Schaden anrichten.

Jetzt zum Beispiel.

Von hinten fasst jemand in mein Haar.

Als ich mich umdrehe sind große braune Augen da,

die sich schnell abwenden,

als hätte ich ihnen Angst gemacht.

Und der Mund unter den Augen- lacht.

Einmal wurde ich gefragt, ob wir weißen,

denn auch weinen, wenn wir traurig sind.

Ja schon. Jetzt zum Beispiel.

Ich bin eine Weiße von vielen, im schwarzen Land,

mein Name- vergessen und meine Farben- verkannt.

„Mzungu, bling some money“,

murmelt eine Kinderstimme unweit meines Platzes.

Ich ignoriere die Worte,

und die Präsenz dieses Satzes:

Ich hab ihn jetzt schon so oft gehört,

und kann dennoch nicht sagen,

dass er mich nicht mehr stört.

Ich schaue auf meine sinkenden Finger,

und spüre steigende Wut.

Denn unter diesen weißen Zellen

fließt doch rotes Blut.

Ich bin mehr als weiß und keine von vielen.

Ohne Ahnung vom FC Bayern oder VW,

ist es so dass ich mehr auf Wein, als Bier steh.

Pünktlichkeit ist bei mir nicht ganz so der Punkt,

um genau zu sein, hab ich mich zu oft vermessen,

und wenn ich ehrlich bin, hab ich noch nie ne Weißwurst gegessen.

Ich bin mehr als Geld, viel mehr als das.

Ich bin mehr als meine Sprache und mehr als mein Pass.

Lass mich dir meine Farben zeigen

die ungeduldig im Inneren ruhn,

Lach mit mir ganz ausgelassen,

so wie es diese „Menschen“ tun.

Sieh mich

Und nicht was du glaubst über mich zu wissen.

Sieh mich,

bevor sie mich verkennen und ihr Urteil über mir hissen.

Ich bin mehr als weiß und keine von jenen.

Und deshalb bist du auch mehr als schwarz und keiner von denen.

wir sind kein dort und hier

sondern ein wir.

Wir sind ganz unzuffällig

vom selben Künstler kreiert,

der ist von uns ganz selbstgefällig

in gleichem Maß fasziniert.

Die Anzahl unserer Finger ist gleich

und uns durchströmt das gleiche Blut,

Sehen wir Tränen, werden Herzen weich,

und gemeinsam Lachen tut uns gut.

Wir zweifeln. Täglich. Und ganz ohne Grund,

an der Welt, an Gott und an uns.

Wir stehen auf Boxen und Schubladen,

auf Noxen und Selbstschaden.

Wir wollen überleben und leben,

geliebt sein und lieben,

und sind im täglichen Streben,

in den menschlichen Trieben,

nach dem Glück auf Erden.

Und kurzum will jeder gesehen werden.

Ich bin eine von Euch, in einem bunten Land,

und ist mein Name Mensch, habt ihr die Farben erkannt.

Beitrag 4: „Ich war mal klein“ von Artem Zolotarov

 

Junger Mann mit kurzen dunklen Harren schaut in die Kamera.

 

Ich war mal klein

Alles begann in einem Bus. Ich saß am Fenster stumm.

Darin sah ich mein Spiegelbild: Die Welt um mich herum.

Ich glaube ich war nicht mal zehn, da fragte ich mich schon,

wieso gibts Krieg, Gewalt und Hass, trotz Gott und Religion?
Wieso hält er den Mensch nicht auf, nicht fest und nicht zurück,

wenn er sich selbst und diese Welt vernichtet Stück für Stück?

Wieso sehen viele glücklich aus, wenn sie es gar nicht sind?
Wieso verdecken Masken das, was uns so traurig stimmt?

Ich wusste nicht wieso ich stumm und ohne Worte war.

Ich hab gesehen, ich hab gehört und mir war immer klar,

dass ich nicht so wie andre bin. Vielleicht vom andren Stern.

Vielleicht auch nur in meiner Welt von anderen entfernt.

Ich wurde älter, sah mich um, und Wut entfachte sich

in meinem Bauch, in meiner Brust. Sie herrschte über mich.

In Rage schlug ich alles klein, was mir im Wege stand.

Ich wurde kalt, ich wurde hart, traute nur dem Verstand.

Mein Herz war mir nur Dreck und Last. Ich hasste es dafür,

dass es mich schwach und ängstlich macht, dass es mir ein Gefühl

von Liebe durch die Glieder treibt.

Dass es begehrt, verehrt, verzeiht,

wenn dich ein Mensch nicht so sehr braucht,

wie du ihn brauchst … dann tut es weh

und nichts außer Verdrängen bleibt.

Ich spürte Hass auf alles das, was nicht in meinen Rahmen passt.

Ich schlug und schrie, ich trug den spie die negative Energie

um mich herum, vor Ohnmacht dumm und blind für die,

die mir die Hand zur Stütze gaben. Sie stellten stets die falschen Fragen.

Ich wusste nicht wieso ich stumm und ohne Worte war.

Ich hab gesehen, ich hab gehört und mir war immer klar,

dass ich nicht so wie andre bin, vielleicht vom andren Stern.

Vielleicht auch nur in meiner Welt von anderen entfernt.

Ich war erwachsen, ich war reich, ich hatte Macht und Geld.

Ich wusste nun, was diese Welt im Kern zusammenhält.

Ich baute Banken, Firmen, Schlößer, ich wurde satt und immer größer.
Ich fragte nicht, ich nahm mir das, was glänzte und gefiel.

Ich schlug, ich fickte und ich fraß und alles war ein Spiel.

Von unten her drang leise nur ein klägliches Gewimmer.

Ich blickte hinter Panzerglas aus meinem Logenzimmer

hinab zum Volk, zum kleinen Mann, der lang schon vor der Türe stand,

der schwach seine Parolen schwang, voll Glauben an den Widerstand,

den er in Märchenbücher fand, Demokratie von ihm genannt.

Ich ließ das Pack von Polizei und Panzern eskortieren.

Auf dass sie nie wieder den Fuß von meinem Thron beschmieren.

Doch jeden Tag wurden es mehr. Sie ließen sich nicht zügeln.

Die Masse kam von unten her, mit Messern und mit Prügeln.

Mein Panzerglas hielt dem nicht stand. Die Risse wurden größer,

bis es zerbracht mit Ach und Krach, ich flehte zum Erlöser,

dass er mir Rettung schenken mag, doch er ließ mich allein.

Ich sah die Welt zum letzten mal und wurde wieder klein.

Alles wurd Schutt, alles wurd Rauch, Raketen flogen durch die Luft.

Das Meer wurd rot, der Himmel schwarz, über der Erde lag der Duft

von Schwefel, der zu Boden schwebt und sich auf Gräber niederlegt,

die niemand wünschte, niemand sah, weil niemand mehr am Leben war.

Doch aus dem braunen Einheitsbrei wuchs eine Blume auf Gedeih

und aus Verderb des Parasits, der Mensch sich schimpfte und sich rief.

So schlief darauf Millionen Jahre, die Erde auf der Todesbahre,

bis Wasser wieder bläulich schien, daraus konnte das Leben ziehn

den Sauerstoff, die Quell des Lebens, Mikroben stoben zur Archeen,

Majuskeln formten Zellgiganten, die Widrigkeiten widerstanden,

bis sie auf ebner Erde standen, und Kiemen Luft zum Atmen fanden.

Und so begannen sie zu kriechen, zu beißen, scheißen und zu riechen.

Aus Pfoten wurden irgendwann bald Finger, Hände, es entstand

der Mensch mit Seele, Herz und Verstand.

Er sah sich an und sah die Welt. Sie schien ihm so vertraut.

Alles verbunden, alles eins. Er schaute stumm erstaunt

gen Himmel und er fragte sich: Bin ich hier ganz allein?

Er sah die Welt von unten her und fühlte sich so klein.

Er sah ein Kind, das ganz allein im Bus am Fenster saß

und sich in Tagträumen verlor, verliebte und vergaß.

So setze er sich zu dem Kind und sagte ihm vertraut:

Hab keine Angst vor dieser Welt, hab Mut und hab Vertraun.

Spreche mit Menschen, sieh sie an, sie sind genau wie du.

Hör ihnen zu und du erfährst, was tief im innern ruht.

Finde die Sprache, um zu teilen, um es den anderen zu zeigen,

was in dir ist, was dich bewegt, zum Lachen bringt, die Tränen regt.

Werde ein Teil von deines Gleichen, und du merkst, es wird einer reichen,

ein Mensch, der deine Sprache spricht, mehr braucht es nicht. Mehr braucht es nicht.

Ich seh die Welt als Spiegelbild. Sie spiegelt mich, ich spiegel sie.

Gebe ich Hass, bekomm ich Hass. Gebe ich Liebe, krieg ich sie

in jedem Fall einmal zurück. Ich hab Geduld und Glauben,

der Mensch ist gut, doch manchmal fehlt ihm Hoffnung und Vertrauen.